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Blindtext heißt Blindflug.

Keine Produktentwicklung ohne UX-Writing

- 10 Best-Practice-Beispiele

Während UX-Texter* weltweit längst zum „Inventar“ von Entwicklungsteams gehören, gelten sie in Deutschland oft noch als Exoten. Doch langsam bahnt sich eine vorsichtige Trendwende an: Zunehmend mehr Unternehmen erkennen, dass Textelemente bei der Produktentwicklung ebenso mit zu bedenken sind wie Design und Funktionalität.

Was weiterhin fehlt: Beispiele, die die Bedeutung guter Texte und Wortschnipsel in der Anwendungsentwicklung auch für Nicht-IT-ler veranschaulichen. 10 Best-Practice-Beispiele verdeutlichen deshalb, warum UX-Writing ein wesentlicher Erfolgsfaktor für gute Produkte ist.

 

Eine Kurze Einführung: UX-Texter, UX-(Copy-)Writer, UX-Konzepter

 

UX-Texter haben die Aufgabe, einfache und prägnante Textelemente zu formulieren, die den Anwendern eine möglichst intuitive Bedienung der Software ermöglichen. Blickt man jedoch auf die vielfältigen Tätigkeitsbezeichnungen für UX-Texter, scheinen Einfachheit und Prägnanz eher eine Fehlanzeige zu sein. Daher zunächst einige Fragen und Antworten zu den wesentlichen Merkmalen des UX-Writings.

  • Was macht ein UX-Texter?
    UX-Texter sind zuständig für alle Texte, die einem Anwender bei der Verwendung einer Anwendung begegnen. Dazu zählen Teaser und FAQs (sog. Short- bzw. Longcopy) ebenso wie Erklär-Felder, Hinweisboxen oder die Beschriftungen von Buttons (sog. Microcopy). UX-Texter arbeiten nutzerzentriert, um das Produkt so anwenderfreundlich wie möglich zu gestalten.
  •  Worin unterscheiden sich die verschiedenen Bezeichnungen für UX-Texter?
    Die einfache Antwort: In der Regel überhaupt nicht. Denn es haben sich noch keine verlässlichen Berufsbezeichnungen etabliert. Einige Tendenzen lassen sich aber erkennen:
    - In Deutschland spricht man vom UX-Texter, im US-amerikanischen Raum dagegen eher vom UX-Writer.
    - Während man gut vom UX-Writing sprechen kann, sollte man die Verwendung des Begriffs UX-Texting besser unterlassen, da die Formulierung "Texting" ursprünglich aus dem Bereich des SMS-Versandes stammt.
    - Die Bezeichnungen UX-Writer und UX-Copywriter werden meistens synonym verwendet.

Eine gute Zusammenstellung zu den Begrifflichkeiten liefert Markus Schrumpf in seinem Blogbeitrag:
 „UX-Texter, UX-Writer, UX-Copywriter – ist das ein neuer Job?“

  • Gehört der UX-Texter zum Entwicklungsteam?
    Ein klares Ja! Denn genau das unterscheidet den UX-Texter vom Copywriter oder Produkttexter. Allerdings bedeutet dies nicht, dass nicht auch ein Texter die Anforderungen des UX-Writings beherrschen kann.

Eine hilfreiche Unterscheidung zwischen UX-Texter und Texter liefert ebenfalls Markus Schrumpf.

  • Welche besonderen Fähigkeiten benötigen UX-Texter?
    Im Gegensatz zum Texter, der meist damit beauftragt wird, ein fertiges Produkt zu vermarkten, sind UX-Texter direkt an der Entwicklung des Produktes beteiligt. Sie benötigen deshalb besondere Fähigkeiten, wie strukturelles Denken, Antizipationsvermögen und einige weitere Skills.

10 Beispiele für gutes UX-Writing

UX-Writer stehen vor einer besonderen Herausforderung: Denn je besser sie ihren Job erledigen, um so unbemerkter bleibt ihr Tun. Oder anders ausgedrückt: Gute UX-Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie vom Anwender nicht bewusst wahrgenommen werden. Stattdessen führen sie den Benutzer unbemerkt, aber oft auch unterstützend und motivierend durch die entsprechende Anwendung. 10 Beispiele zeigen, wie dies gelingen kann.

 

1. Die Zielgruppe gut abgeholt – mit Motivation und Mutmacher

 

Bild: jimdo.com

 

JIMDO wendet sich mit seinen Dienstleistungen an Anwender, die ohne große Programmierkenntnisse eine ansprechende Webseite oder einen Onlineshop gestalten möchten. Die Startseite räumt deshalb direkt alle Bedenken aus: 

Zunächst wird dem Anwender Mut gemacht: "Kannst Du!". Anschließend wird noch einmal betont, dass tatsächlich keine Vorkenntnisse notwendig sind. Zum Abschluss folgt eine offene Einladung: "Probiere es aus!" und ein niederschwelliger Call to Action "Jetzt starten" (im Gegensatz zu einer möglichen Barriere, wie z. B. "Jetzt anmelden"). – Einfach gut gemacht!

 

2. Hier geht's um Hunger – also bitte flott!

 

Bild: Startseite – lieferando.de

 

Wer die Homepage von Lieferando besucht, möchte nicht lange fackeln. Essen muss her und zwar schnell. Das haben die UX-Texter der Lieferplattform verstanden. Die Überschrift redet Klartext. Der zentrale Button heißt "Anzeigen" statt "Suchen", denn wer Hunger hat, möchte alles, nur nicht suchen. Schließlich machen auch die Icons deutlich, dass der Weg bis zum Lieblingsmenü nicht weit ist. Eine Seite, die Appetit macht.

 

3. Zimmerbuchung: Schau erstmal unverbindlich rein!

 

Bild: Hotelsuche – google.de / Quelle: Netzfund unter thomas-kemp.de/blog/ux-writing

 

Die Suche nach einem passenden Hotel ist eine persönliche Angelegenheit, begleitet von vielen privaten Befindlichkeiten. Anwender möchten daher nicht bedrängt werden, sondern das Ambiente einer Unterkunft erst einmal auf sich wirken lassen. Das nimmt Google ernst, indem der Button "Verfügbarkeit prüfen" deutlich mehr Offenheit vermittelt, als dies beispielsweise eine Schaltfläche "Jetzt buchen" tun würde. 

 

 4. Entlastend und motivierend – ein federleichter Buchungsprozess

 

Bild: Screenshot – airbnb.de

 

Die Macher von Airbnb verstehen es, ihren Besuchern ein gutes Gefühl zu vermitteln. Die Seite ist nicht nur übersichtlich angeordnet, sodass alle Informationen auf einen Blick zu finden sind, die Texte entlasten ("Du musst noch nichts bezahlen.") und motivieren zusätzlich, wie Mike Zeiler, Art Director und UI/UX Lead Designer von Artus interactive im Interview treffend formuliert: "Während ich auf Booking.com dank roter Störer wie 'Nur noch 1 Zimmer frei!' schnell in Panik verfalle und sich die Suche nach einer Unterkunft immer wie Arbeit anfühlt, erreicht Airbnb mit einem bestärkendem 'Wow, das ist ein seltenes Fundstück. Diese Unterkunft ist normalerweise ausgebucht.' dasselbe Ziel."

 

5. Endlich abgeholt: Bahnreisende und ihre Fragen

 

Bild: Startseite bahn.de / Netzfund unter https://blog.hubspot.de/marketing/ux-writing

 

Für ihren Service muss sich die Bahn immer wieder Spot anhören. Mit ihrer Landing Page hat sie dennoch einiges richtig gemacht. So ist die Seite nicht nur klar strukturiert, sie schafft es auch, die Bedürfnisse der Nutzer klar aufzugreifen, z. B. mit dem Sparpreis-Finder für preisbewusste Fahrgäste oder weiteren klar benannten Buttons. Besonders nutzerfreundlich wirkt dabei die Formulierung "Ist mein Zug pünktlich?". Sie ist viel eingängiger als die Substantivformulierung "Pünktlichkeit".

 

6. Vergessen ist menschlich – charmanter Mutmacher

 

Bild: Screenshot – Mailing von canva.com

 

Wer hin und wieder sein Passwort vergisst, kennt die dazugehörige Gefühlsmischung: Ärger, "Genervtheit" und Frust über die eigene Schusseligkeit. Mitunter kann da sogar etwas Verständnis durch das Mailing-Template guttun, wie es die Formulierung "Das kann jedem passieren." vermittelt.

 

7. "Lost in space?" – Fehlermeldung geht auch humorvoll

 

Bild: Screenshot aus Adobe Photoshop Lightroom

 

Fehlermeldungen sind mühsam genug. Auf harte, rein informative Hinweisfenster kann deshalb gut und gerne verzichtet werden. Das haben auch die Macher von Adobe mit ihrer sympathischen Fehler-Hinweisseite erkannt. So können die Überschrift und die dazugehörige Icon-Welt auch gestressten Anwendern ein Schmunzeln entlocken, indem der Fehler schlicht und einfach einem Dritten zugeschoben wird, dem schwarzen Loch. 
Die anschaulichen Handlungsanweisungen zeigen kurz und prägnant, wie es besser gehen kann.
Einiger Kritikpunkt: Wer auf einer bislang erfolglosen Suche ist, möchte vermutlich alles außer einem Feedbackbogen.
Zudem könnte auch der Button "Suche zurücksetzen" etwas motivierender formuliert sein, z. B. durch eine ermutigende Einladung "Nochmal probieren".

 

8. Erfrischend ehrlich oder "Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung."

 

Bild: Screenshot bing.com

 

Keinen Zacken aus der Krone bricht sich Microsoft bei der Gestaltung der Fehlermeldung. 

Kurz und knackig wird zugegeben: Es liegt nicht an dir, es liegt an uns.
Damit wird der Anwender vom unguten Gefühl entlastet, selbst etwas falsch gemacht zu haben.
Das Bild des tollpatschigen Pandas, der etwas entrüstet nach seinem verunglückten Eis schaut, bietet zusätzliche Auflockerung. Lediglich der Hinweis "Bing ist gerade nicht verfügbar" wirkt etwas überflüssig, denn diese Tatsache dürfte der Anwender mit dem Erscheinen der Fehlermeldung bereits selbst festgestellt haben. 

 

9. So sympathisch kann 404 sein.

 

Bild: Screenshot pixar.com – Netzfund unter pagecloud.com/blog/best-404-pages

 

Ganz großes Corporate-Design-Tennis spielen die Texter von PIXAR. So ist auch die 404-Seite ganz im Stil des Films "Alles steht Kopf" gehalten. Wer den Kummer aus dem Film kennt, wird beim Anblick dieser Seite um ein Schmunzeln nicht herumkommen. Ebenso ist auch der Hinweis auf die fehlerhafte Speicherung im Langzeitgedächtnis extrem gelungen.
Eine kummervolle-kummerfreie Fehlerseite.

 

10. Das freut sich das Texterherz: Corporate Design in Perfektion beim Cookie-Consent

 

Bild: Cookie-Consent-Fenster von duden.de

 

Während Cookie-Consent-Fenster meist vor allem eines sind, nämlich eine äußerst lästige Angelegenheit, schaffen es die Texter der Duden-Plattform auch bei dieser notwendigen Pflichtaufgabe ein charmantes Ausrufezeichen zu setzen.

Denn durch die typische nachträgliche Nennung der Artikel weiß jeder Nutzer sofort, dass er nun die Welt des Duden betreten hat. Einfach gut gemacht.

 

*Um die Lesbarkeit des Artikels zu verbessern, wird in diesem Artikel – anders als sonst im Blog üblich – auf die gleichzeitige Nennung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Alle Personenbezeichnungen gelten jedoch gleichermaßen für alle Geschlechter.

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